Brossa Press

Globaler Handel und lokaler Vertrieb:
Zum Borsten- und Bürstenhandel in Indien und Europa
Maren Bellwinkel-Schempp

Wir leben in einer Weltwirtschaft, in der Güter und Dienstleistungen nach
Kosten- und Nutzenkriterien global verfügbar geworden sind. Die wirt-
schaftlichen Verflechtungen sind durch die Revolution der Informations-
technologie so eng geworden, dass Standorte und Verkehrswege eine un-
tergeordnete Rolle spielen. Es hat sich eine Arbeitsteilung in globalem
Maßstab entwickelt, die aus dem Ungleichgewicht zwischen postkolonia-
len Gesellschaften und entwickelten Industrienationen neue Chancen und
neue Schieflagen hat entstehen lassen, die an ältere Verwerfungen und Ima-
ginationen anknüpfen, mit diesen aber nicht kongruent sind. Im Folgenden
möchte ich zeigen,
1. wie sich durch unterentwickelte Verkehrswege und schwer zu er-
reichende Produktionsorte das Wandergewerbe für den Absatz von
Bürstenwaren einen noch nicht entwickelten Markt erschloss;
2. wie durch die Entstehung eines Marktes für Borsten die kulturelle
Wertigkeit des Naturprodukt Borste sozusagen ‚laisiert‘ wurde. An
Hand der unberührbaren Borstenzurichter in Indien und der jüd-
ischen Borstenhändler im Deutschen Reich sollen diese Verände-
rungen dargestellt werden;
3. wie durch das Verschwinden des Borstenmarktes und die Verände-
rung der Produktionstechniken Fragen der Ehre, Geltung und Identi-
tät neu gestellt und polyphon beantwortet werden.
Für die Darstellung werde ich mich vorsichtig in den Grenzbereich
zwischen Ethnologie, Wirtschaftsgeschichte und Volkskunde hineinschie-
ben, um die verschiedenen Fragen, die sich im Zusammenhang mit den
kulturellen Repräsentationen von Handwerk, Handel und Industrie stel-
len, beantworten zu können.
1. Entwicklung der Bürstenmacherei
Als Zunfthandwerk ist der Bürstenmacher ein Nachzügler des 16. Jahr-
hunderts, 1 der mit dem Korbmacher die niederen Ränge unter den Zünften
einnahm, da mit seinem Produkt kein großer Reichtum zu erwerben war.
Hinzu kam noch der Staub, der beim Einziehen der Borsten entstand, der
Anlass für das Sprichwort ‚Der säuft wie ein Bürstenbinder‘ 2 gab und die-
sen Berufstand herabsetzte. Im ausgehenden 18. Jahrhundert wurde die
Bürstenbinderei zum Haupterwerb verarmter ländlicher Bergregionen wie
Erzgebirge, Schwarzwald und Pfälzer Wald. Damit trat die Heimarbeit in
Konkurrenz zum Zunfthandwerk. Heimarbeit leistete die ganze Familie,
Männer, Frauen und Kinder. Die Kenntnisse wurden von wandernde
Handwerksburschen aus Frankreich in ihre Heimat zurückgebracht. So
wird jedenfalls die Entstehung der Bürstenbinderei in Todtnau im
Schwarzwald und in Ramberg in der Pfalz erklärt. 3 Gleiches gilt für die
Entstehung der Pinselmacherei in Bechhofen bei Nürnberg. Dieses Dorf
liegt in einer landwirtschaftlich fruchtbaren Gegend. Die Pinselmacherei
entstand als zusätzlicher Erwerb der Landbevölkerung. 4
Auf das Erzgebirge bezogen heißt es allerdings: „Ohne Vorkenntnisse,
ohne Lehrmeister, ohne geeignete Werkzeuge sollen sie begonnen haben.
Der nahe Wald bot ihnen das Holz. Mit Axt und Messer wurden die Brett-
chen zugehackt und geschnitzt, mit geschmiedeten Nägeln die Bohrlöcher
durchgeschlagen. Die rohen Borsten holten sie in der Umgebung zusam-
men, brachten sie auch von ihren Hausierreisen mit. Der Mann teilte sie
auf in die Sorten und reinigte sie von Schmutz und Wolle mittels eines ein-
fachen Kamms mit Handgriff. Weib und Kind besorgten das Einziehen.
Schlicht-, Bäcker-, Müller-, Schuh- und Scheuerbürsten sind die ersten
Artikel gewesen, die ihren ungeübten Fingern entsprungen sind. In der
günstigen Jahreszeit wurden die Produkte ins Niederland getragen und
verhausiert, das Hauptabsatzgebiet war in der Zeit des Zunftzwanges das
platte Land.“
An den selben Standorten entwickelte sich seit Mitte des 19. Jahrhun-
derts die Bürstenindustrie. Einzieh-, Stanz- und Abteilungsmaschinen hat-
ten die Arbeitvorgänge mechanisiert. Ebenfalls entstehen im Erzgebirge
und im Schwarzwald Spezialmaschinenfabriken für die Bürstenherstellung.
Doch blieben die Übergänge zwischen Handwerk, Heimarbeit, Verlags-
arbeit und Industrie fließend.
Die in Heimarbeit produzierten Bürsten wurden überwiegend durch
Hausieren vertrieben. Diese Art des Handels, die darauf beruhte, dass der
Händler zum Käufer ging und ihm die Ware anbot, hatte vielfältige For-
men. Im Erzgebirge wurde im Winter hergestellt und im Sommer wurden
die Bürsten von den Männern verkauft. 6 Es war ein saisonaler Handel, der
über den Sommer verteilt sechs bis acht Reisen unterschiedlicher Dauer
mit sich brachte. Es waren kürzere und längere Wege, die von den Hau-
sierern zurückgelegt wurden, je nachdem, ob sie zu Fuß gingen, oder ob
sie wie die Wildenauer ein Pferdefuhrwerk besaßen. Nach dem Bau der
Eisenbahn nahmen viele Hausierer auch dieses Verkehrsmittel. Es wurde
überwiegend in der näheren Umgebung verkauft, aber auch in Thüringen
und Preußen. 7

globalerhandel1

Abb. 1: Bürschtnma

Die Hausierer hatten feste Absatzgebiete, die weitervererbt wurden. Sie
entwickelten eine Berufsgruppen spezifische Tracht, eine Warenkorb, der
sorgfältig drapiert war, formelhafte Ankündigungsrufe „‚Dr‘ Bürschtnma
is da“ und ein Repertoire an Sprüchen, Witzen und Anekdoten, die für die
meist ländliche Umgebung hohen Unterhaltungswert hatte. Sie waren be-
liebt und angesehen und einige brachten es sogar zu Reichtum: „Aufgrund
der Tatsache, dass die Bürstenhändler selbst produzierten und die Bürsten
direkt an den Endverbraucher vertrieben, machten sie auch mit den ein-
fachen Fertigungsmethoden von Hand ohne jegliche Maschinen recht gute
Gewinne. Wer sein Geld zusammennahm und nicht durch die Kehle rin-
nen ließ, brachte es zu einem ganz ansehnlichen Vermögen.“ 8 Frauen und
Kinder zogen Bürsten ein und unterbrachen diese Arbeit im Sommer nur
für kurze Zeit, um Heidel- und Preiselbeeren sammelten, was einträg-
licher war als die Bürstenmacherei. 9 Neben dem Hausierhandel mit Bürs-
ten gab es im Erzgebirge noch das Dorf Satzung, deren Bewohner über-
wiegend dem Wandergewerbe nachgingen. Der Bürstenvertrieb war nicht
so wichtig wie der Verkauf von Spitzen, Holzwaren, Bettfedern, Samen,
aber auch der Verkauf von Gänsen und Pferden. Diese Waren wurden al-
lerdings das ganze Jahr hindurch vertrieben. 10
Im Schwarzwald gab es zwei Bürstenmacherdörfer, die unterschiedliche
Traditionen und Verkaufsstrategien hatten. Lützenhardt (Kreis Freuden-
stadt) im nördlichen Schwarzwald hat eine eigene ethnische Tradition in-
sofern, als im Jahre 1750 „allerlei fahrendes Volk, wie Schirm- und Kessel-
flicker, Zigeuner, Spielleute, Bürsten- und Besenbinder“ angesiedelt wer-
den. 11 In Lützenhardt wurde das ganze Jahr über hausiert, von Männern
wie Frauen gleichermaßen. Die Kinder blieben zu Hause und wurden von
Verwandten oder einer Haushälterin versorgt.
Die Hausierer teilten sich in zwei Gruppen. Solche, die neben Bürsten
noch andere Waren wie Korb- und Holzwaren, aber auch junge Schweine
und Kurzwaren mitnahmen. Sie bereisten nur die unmittelbare Umgebung
und blieben nur wenige Tage weg. Die besseren Hausierer nahmen nur
Bürsten mit und vertrieben diese in den großen Städten Württembergs,
Hohenzollerns und der Schweiz. 12 Die Hausierer aus Todtnau im südlichen
Schwarzwald hatten längere Verkaufswege. Sie reisten bis in die
Schweiz, Österreich und Frankreich. Leider mussten sie aber Ende des 19.
Jahrhunderts diese ausländischen Märkte aufgeben, weil diese Länder hohe
Einfuhrzölle und einen Handelsgewerbeschein verlangten. 13
Die Unternehmungslustigsten waren die Ramberger aus dem Pfälzer
Wald, die sich in vier Gruppen aufteilten: Die nächste Umgebung in einem
Radius von 60 bis 70 km wurde von den Frauen bereist. Das geschah zu
Fuß oder später mit Bahn oder Bus. Diese Reisen fanden von Montag bis
Samstag statt. Der Radius bis zu 300 km, in den Hunsrück, bis nach Bay-
ern und Westfalen wurde im offenen Wagen zurückgelegt. Dies waren
Fahrten, die bis zu vier Wochen dauerten. Frau und Mann fuhren zusam-
men, die Kinder blieben zu Hause. Die Fahrten im geschlossenen Wagen,
die auch über eine Achsenfederung verfügten, waren das ganze Jahr über
möglich und führten bis nach Belgien, Frankreich und die Niederlande. 14
Sie kehrten nur zu den großen kirchlichen Feiertagen wie Weihnachten
und Ostern und zur Kirchweih heim. Es gab auch einzelne Handels-
reisende, die bis nach England und Südschweden kamen und sich ihre Wa-
re nachschicken ließen. Sie waren mit der Bahn unterwegs. 15
Durch das sprunghafte Anwachsen des Hausiergewerbes von etwa 1860
bis 1890 wurde das Wandergewerbe insofern zum Problem, weil die Ab-
grenzung zu anderem fahrenden Volk, zu Handwerksburschen, Bettlern,
Vagabunden, die sinnigerweise auch ‚Kunden‘ genannt wurden, zu Saison-
arbeitern, Erntehelfern und den vielen, die durch die industrielle Revo-
lution entwurzelt wurden, immer schwieriger wurde. 16 Diese Wander-
armen wurden zu Objekten ‚christlicher Liebestätigkeit‘, wie es damals
hieß. In ‚Herbergen zu Heimat‘ und ‚Arbeiterkolonien‘ erhielten sie Brot
und Unterkunft. Intention dieser Arbeitshäuser war es, sie vom Betteln
und Vagabundieren abzuhalten und erneut in den Arbeitsprozess zu inte-
grieren. 17
Als diese Gemengelage immer bedrohlicher wurde, nahm sich der ‚Ver-
ein für Socialpolitik‘, ein Zusammenschluss führender bürgerlich-liberaler
Nationalökonomen, in einer fünfbändigen empirischen Untersuchung der
Lage des Hausiergewerbes in Deutschland (1889–1899) an. 18 Diese Unter-
suchungen konnten weitgehend den Vorwurf entkräften, dass Wander-
gewerbe würde dem unlauteren Wettbewerb Vorschuss leisten und sei nur
ein Vorwand für die Bettelei. 19
Als Wandergewerbetreibende reihte sich der Bürstenbinder in die große
Schar der übers Land ziehenden Händler ein, die Naturalien, Hausrat, Ar-
beitsgerät, Kleidung, Samen, Bücher und Vieh verkauften. 20 Sie stammten
wie die Bürstenmacher aus Dörfern, die über keinen ausreichenden
Grundbesitz verfügten, deshalb keine Landwirtschaft betreiben konnten
und folglich auf den Handel durch Hausieren angewiesen waren. Die Wa-
ren wurden überwiegenden getragen, meist in sogenannten Kraxen und
Kiepen, doch überwiegend über die Schulter gehängt.

globalerhandel2

Abb. 2: Margarethe Weigel
Die Hälfte der Hausierer waren Frauen, die übers Land zogen. 21 Doch
zeigen die zeitgenössischen Abbildungen nur männliche Hausierer, dem
Familienbild des aufkommenden Bürgertums entsprechend, nach dem die
Frau ins Haus gehörte. Bei den Bürstenmachern war der Anteil der weib-
lichen Wandergewerbetreibenden etwas geringer als im Hausierhandel all-
gemein, er lag bei etwa 25%. 22 Den Frauen wird nachgesagt, im Absatz
geschickter als die Männer gewesen zu sein. Sie waren anpassungsfähiger
und konnten eher auf Mitleid hoffen. Sie halfen auch für ein Nachtlager in
Küche und Haushalt mit. Die Hausiererinnen, so wird jedenfalls aus der
Pfalz berichtet, wurden zum Essen eingeladen und bekamen Lebensmittel
als unentgeltliches Zubrot.
Die Hausierer hatten einen festen Kundenstamm. Ihr Arbeitsgebiet war
fest umrissen und hieß „Strich“. 23 Diese Striche wurden an die Kinder ver-
erbt. Die gleichen Wanderwege und der feste Kundenstamm ist Anzeichen
dafür, dass langandauernde Beziehungen zwischen Hausierer und Kunden
bestanden. Gegenseitiger Nutzen und gewachsenes Vertrauen schob der
Übervorteilung einen Riegel vor. Es wurde gute Ware zu einem reellen
Preis angeboten. Qualität und Preis waren in der bäuerlichen Landwirt-
schaft durchaus vergleichbar und regulierten Angebot und Absatz. 24
Hinzu kam, dass das Wandergewerbe obrigkeitsstaatlich genauestens
kontrolliert wurde. Es gab im frühen 19. Jahrhundert Länder und Gemein-
den, die Hausierhandel generell verboten. Wenn Wandergewerbe erlaubt
war, dann wurden die Hausierer steuerlich veranlagt und standen unter
polizeilicher Aufsicht. Sie musste einen Wandergewerbeschein beantragen,
wobei peinlichst genau Alter, körperliche Beschaffenheit und Leumund
notiert wurde. „Heute will man in dem Hausierer einen Menschen sehen,
der das 25. Lebensjahr erreicht hat, der nicht ekelerregend aussieht, mit
keinen ansteckenden Krankheiten behaftet ist und der vor allen Dingen
nicht wegen eines Eigentums, resp. Brutalitätsdeliktes, wegen Hausfrie-
densbruchs, wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt oder wegen Über-
tretung von Sicherheitsmaßregeln gegen die Verbreitung ansteckender
Krankheiten bestraft wurde. Als mindestes Strafmaß, das die Versagung
des Wandergewerbescheines zur Folge haben kann, ist bekanntlich eine
Freiheitsstrafe von einer Woche festgesetzt, und es müssen fünf Jahre seit
der Verbüßung verflossen sein, wenn ein solcher auch einem Vorbestraften
ausgestellt werden soll.“ 25
Die Bürstenbinder versorgten bei schlecht entwickelten Absatzwegen
eine ländliche Bevölkerung mit den notwendigen Waren des täglichen
Gebrauchs, sie waren „Kulturvermittler“, 26 indem sie für Abwechslung,
Unterhaltung und Neuigkeiten sorgten. Die positive Rolle der Wander-
gewerbetreibenden wird auch von Gustav Schmoller in einem mittlerweile
berühmt gewordenen Zitat aus dem Jahre 1870 hervorgehoben. Er stellte
fest, dass sich der Hausierhandel zu einem reellen Kleingewerbe entwickelt
hat: „Wo am meisten Verkehr und Industrie, wo der Kleinbesitz vertreten,
wo die wirtschaftliche Kultur am höchsten ist, da finden wir die höchste
Zahl derselben. (...) Das deutet darauf, daß es nicht sowohl die vagabun-
dierenden, nomadenhaften, auf Diebstahl und Nichtsthun spekulierenden
Hausierer, sondern die reellen, wahren wirtschaftlichen Bedürfnissen die-
nenden Auf- und Verkäufer sind, die zunahmen.“ 27
Die hausierenden Bürstenbinder blieben fest in die Ökonomie ihres
Dorfes und seiner Wirtschaftsweise integriert. Das saisonale Herumziehen
führte nur bei den Todtnauer Bürstenbindern zur Gründung von Betrie-
ben an anderen Standorten und damit zu einer Umsiedlung. 28 Ganze Fa-
milienverbände waren höchst selten unterwegs, die Arbeitsteilung zwi-
schen Mann, Frau, Kindern und der Verwandtschaft war ausdifferenziert
und unterschiedliche Einkommensquellen trugen zur Gesamtheit des Fa-
milieneinkommens bei. Auch wenn die Landwirtschaft in den Hausierer-
dörfern nicht viel einbrachte, so sicherte Haus und Hof, Vieh und Garten
wenigstens die Subsistenz der Familie. Das Dorf war Kinderstube und Al-
tersversorgung, Zuflucht in Zeiten der Krankheit, Invalidität und Arbeits-
losigkeit. Es verhinderte zwar nicht die Armut, doch schützte es vor Ver-
elendung.
War Heimarbeit und Hausierhandel für die Bürstenherstellung eine
weit verbreitete Produktionsform und geläufiger Absatz, so wurden die
Borsten ebenfalls durch den Hausierhandel vom Bauern, der selbst
schlachtete, oder vom Metzger besorgt. Das geschah meist im Winter, weil
um die Weihnachtszeit am meisten Schweine geschlachtet wurden. Der
Borstenhandel und die Borstenzurichterei entwickelte sich in einem ar-
beitsteiligen Prozess. Ganze Dörfer wie z. B. Rothenkirchen im Erzge-
birge widmeten sich der Beschaffung und dem Zurichten der Borsten.
Doch war der Bedarf an Borsten schon seit dem ausgehenden 18. Jahr-
hundert nicht mehr lokal zu decken. Das war zum einen durch den er-
höhten Bedarf und eine entstehende Produktenvielfalt durch die indus-
trielle Revolution bedingt. Die technische Nutzung von Bürsten, auch
zum Reinigen von Maschinen, wurde immer wichtiger. Zum anderen
mussten lokal nicht verfügbare Borstensorten aus anderen Ländern mit
anderen Klimazonen importiert werden.
Hier wurde zunächst Russland wichtig. Es wird berichtet, dass schon
im 16. Jahrhundert die Engländer aus Russland Borsten importierten. 29
„Im Dezember, Januar und Februar schlachtet der russische Bauer. Dann
ist die Zeit des Borstenaufkaufs gekommen ... Der Hausschlächter nimmt
das Häufchen Borste als etwas nahezu wertloses an sich und hebt es auf,
bis der Hausierer kommt. Die Hausierer spielen in der Güterversorgung
Russlands eine ganz andere Rolle als bei uns ... Die Städte sind weit und
das Transportwesen unterentwickelt. Die Städte, wo die Manufakturisten
sitzen, sind die Ausgangspunkte der Hausierer. Mit Pferd und Wagen oder
einer Hucke auf dem Rücken durchziehen die letzteren ihr Gebiet, nicht
allein verkaufend, sondern auch einkaufend: Hadern, Knochen, Roß-
schweife, Borsten etc. Der Handel ist überwiegend Tauschhandel: Geld
gleicht nur etwaige Differenzen aus.“ 30
Im ausgehenden 18. Jahrhundert wurde St. Petersburg zum größten
Markt für russische Borsten, aber auch über Danzig und Königsberg wur-
den Bosten nach England und Amerika ausgeführt. Da England sehr viel
früher als Deutschland zur Mastschweinehaltung übergegangen war,
musste es Borsten vorwiegend importieren. England importierte aber auch
Borsten aus seiner indischen Kronkolonie. 31 Amerika musste ebenfalls auf
überseeische Märkte ausweichen, doch bezogen sie aus geographischen
Gründen ihre Borsten überwiegend aus China. 32 Ende des 19. Jahrhun-
derts wurde Leipzig im Rahmen seiner Messe zum bedeutendsten Han-
delsort für Borsten und Rosshaar und löste damit St. Petersburg ab. 33 Für
den Import von Borsten aus China und Indien nach Deutschland wurden
London und Hamburg wichtige Handelsstädte.
‚Kalkutta-Borste‘ gehandelt wurden. 34 Diese Bezeichnung hat sich lange in
deutschem Lehrmaterial gehalten. Das kam daher, dass Kalkutta zur frü-
hen Kolonialzeit die größte Niederlassung der East India Company war
und die meisten britischen Handelshäuser sich dort ansiedelten. In Kanpur
und anderen Städten ‚up country‘, die flussaufwärts am Ganges gelegen
waren, gründeten sie Niederlassungen. Bevor der Errichtung der Eisen-
bahn war Kalkutta auch der wichtigste Ausfuhrhafen. All dies deutet dar-
auf hin, dass die indischen Borsten schon in der Mitte des 19. Jahr-
hunderts über Kalkutta ausgeführt wurden, doch werden sie zum ersten
Mal als Handelsprodukt im Jahre 1865 erwähnt. 35

globalerhandel3

Abb. 3: Asiatische Borstenstädte
Kanpur ist die älteste Industriestadt Indiens, mit britischem Kapital er-
baut und berühmt für seine Textil- und Lederindustrie. Kanpur wurde
‚Manchester of the East‘ genannt, mit seinen damals nach modernster eng-
lischer Technologie ausgestatteten Fabriken. Weniger bekannt ist, dass
Kanpur auch zum Zentrum des Borstenhandels für ganz Indien wurde.
Zwar gründeten die Engländer im Jahre 1896 die ‚Cawnpore Brush Facto-
ry‘ 36 , die wie die Textil- und Lederfabriken für den Bedarf der Britisch-
Indischen Armee produzierte. 37 Doch verbrauchte sie nur einen geringen
Teil der in Kanpur hergestellten Borsten. Die meisten Borsten wurden
nach England ausgeführt.

globalerhandel4

Abb. 4: Brushware
Uttar Pradesh ist der Bundesstaat Indiens mit den meisten Schweinen. 38
Da die Inder keine Bürsten und Pinseln gebrauchten, war für sie die Bors-
ten ein wertloses Abfallprodukt, das zudem noch mit dem Odium der Un-
berührbarkeit behaftet war. Sie benutzen Bürsten weder zum Haare Käm-
men noch zur Körperpflege. Ebensowenig wurden Bürsten zum Waschen
der Wäsche und auch nicht zum Weißen der Wände benutzt. Der Besen
des verachteten und in der Kastenhierarchie ganz unten stehenden Stras-
senkehrers, wird aus Reisig zusammengesteckt. Für die Engländer hin-
gegen und ihre aufstrebende Bürstenindustrie waren die Borsten allerdings
ein wichtiges Besteckungsmaterial.
Die indischen Schweine sind hochbeinige Tiere, die, dem Wildschwein
recht ähnlich, überwiegend schwarz oder grau sind. Sie verfügten über au-
ßergewöhnlich lange, dicke und steife Rückenborsten, die, wenn sie dem
lebenden Tier ausgerupft werden, außerdem noch elastisch sind. Das hängt
mit den klimatischen Bedingungen zusammen. Schweine werden zwar als
37 Die Borsten hatten in der Frühzeit der Industrialisierung eine große Bedeutung, da sie an den
beiden Enden des konisch zugeschnittenen Webschützen angebracht wurden, um beim An-
halten des Webschützen die Wucht des Aufpralls zu mindern.
Tiere der gemäßigten Breiten bezeichnet, weil sie dort am häufigsten vor-
kommen, doch sind sie an Kälte und Hitze anpassungsfähig und kommen
sowohl in Sibirien wie in den Tropen vor. In kälteren Regionen entwickeln
Schweine ein feines Haarkleid, in tropischen Regionen dicke, stachelige
Borsten.
Die Qualität und die Länge der Borste hängt außerdem vom Alter des
Schweins ab. 39 Mastschweine können keine ausreichend langen Borsten
entwickeln. Wichtig ist, Schweine vor extremer Kälte und extremer Hitze
zu schützen. In gemäßigten Zonen geschah dies dadurch, dass man die
Schweine winters im Stall unterbrachte. In heißen Ländern suchen die
Schweine sich Kühlung in der Suhle. Die langen Rückenborsten eigneten
sich deshalb besonders für Haarbürsten und sogenannte industrielle Bürs-
ten. Auch als ‚Schusterborsten‘ zum Nähen von versteckten Nähten bei
Schuhen und Kricketbällen waren sie sehr nachgesucht.

globalerhandel5

Abb. 5: Indische Schweine in Kanpur
Die Borsten waren deshalb mit dem Odium der Unberührbarkeit be-
haftet, weil sie vom Schwein stammen, das für Muslime und Kastenhindus
gleichermaßen als unreines Tier gilt. 40 Da Schweine Schmutz, Abfälle und
Fäkalien fressen, werden sie nur von Unberührbaren gehalten, 41 die der
kulturellen Stigmatisierung durch die brahmanischen Ideologie zufolge
genau das gleiche tun wie die Schweine: Sie nehmen Unreinheiten auf.
Traditionellerweise hatten die Unberührbaren solche Berufe inne, die mit
Abfall, Schmutz, körperlicher Verunreinigung, Tod und Verwesung ver-
bunden waren. 42 Schweine wurden von allen Unberührbarenkasten ge-
halten.
Doch suchten sich die Engländer für das Schweineschlachten und Bors-
tenzurichten die Khatik aus, die ihrer Meinung nach traditionellerweise
etwas mit dem Schlachten zu tun hatten. Hier wurde aus der Kasten-
bezeichnung – khatika kommt aus dem Sanskrit und heißt schlachten und
jagen – in der Kolonialzeit ein moderner Beruf. 43 In der älteren ethno-
graphischen Literatur werden die Khatik als Ziegenmetzger und Gemüse-
händler geführt. 44 Die Engländer brachten den Khatik das Schlachten und
Borstenzurichten nach englischer Manier bei. In Kanpur allerdings bestan-
den die Khatik aus zwei Gruppen, von denen die eine Bauunternehmer
und Maurer waren. Nur die andere Gruppe wurde zu Schweinemetzgern
und Borstenmanufakteuren.
Die in Kanpur zugerichteten Borsten wurden nach London verschifft
und dort vier mal im Jahr auf der Borstenauktion versteigert. Die Borsten-
auktion bestand seit 1870 und wurde von Auktionären, Handelshäusern,
die mit tierischen Abfallprodukten auf eigene Rechnung handelten und
Agenten betrieben, die Ware nur in Kommission nahmen. 45 Die Khatik
hatten verschiedene Hürden zu nehmen, die durch die koloniale Wirt-
schaft bedingt waren, die sie aber dennoch zu reichen Männern werden
ließen. Sie bekamen einen Vorschuss vom englischen Importeur, der eine
Niederlassung in Indien hatte und über seine indischen Mittelsmänner mit
den Borstenmanufakteuren verhandelte. Ein bestimmter Prozentsatz des
auf der letzten Auktion erzielten Durchschnittspreises wurde ihnen aus-
bezahlt. Dadurch war es ihnen überhaupt erst möglich, die Ware zu ver-
schiffen.
Wie entstand nun ein Markt für Borsten? Da alle Unberührbarenkasten
Schweine hielten, war es ein leichtes, sie zur Borstenproduktion zu be-
wegen, die zumeist in zweimaligen sogenannten Ernten zur Sommer- und
Wintermonsunzeit geschah. Den Schweinen wurden bei lebendigem Leib
die Borsten ausgerissen. 46 Doch hatte diese Produktionsmethode den Vor-
teil, dass die Borsten eine höhere Elastizität aufwiesen als vom toten
Schwein. Sie wurden gesammelt und einmal auf Wochenmärkten – soge-
nannten hats – angeboten, dann auf den großen im Winter stattfindenden
Viehmärkten – mela – weiter verkauft. Viele Anbieter kamen auch per-
sönlich nach Kanpur.
Das Zentrum der Borstenmanufakturen lag nicht sehr weit vom Bahn-
hof entfernt. Oft wurden die Verkäufer schon am Bahnhof von Agenten
abgefangen und zu den jeweiligen Borstenmanufakturen geleitet. Bei er-
folgreich abgeschlossenem Verkauf erhielten sie einen bestimmten Pro-
zentsatz des Verkaufspreises. Die Borstenmanufakteure richteten die Bors-
ten in ihren Fabriken zu. Dies geschah in Lohnarbeit, meist durch Ange-
hörige anderer Unberührbarenkasten. 47 Nur einige wenige ärmere Khatik
machten diese Arbeit selber. In Kanpur bildeten die Khatik die englische
Arbeitsteilung in etwa ab. Neben Agenten und Borstenmanufakteuren gab
es noch Borstenhändler, die nicht selbst zurichteten und nur mit der Ware
handelten.

globalerhandel6

Abb. 6: Frauen beim Zurichten
46 Diese Tierquälerei wurde mir von einem amerikanischen Borstenhändler mit Schaudern erzählt.
Gespräch anlässlich der ‚Interbrossa‘ am 25.4.1996 mit Howard Wagman aus Philadelphia,
USA.
Das Zurichten war ein langwieriger und arbeitsintensiver Prozess.
Heutzutage wird nur noch auf spezielle Nachfrage hin zugerichtet. Die
Rohware wird zunächst auf dem Waschbrett von den größten Unrein-
heiten befreit, eine Arbeit die von Frauen in der niedrigsten Lohnstufe ü-
bernommen wird. Dann werden die Borsten zusammengebunden und
mehrere Stunden gekocht, auseinander gebreitet und anschließend auf dem
Dach getrocknet. Danach werden sie durchgerieben, d. h. nach Kopf und
Fahne – wie das mehrfach gespaltene Borstenende heißt – sortiert. An-
schließend stößt man sie auf, damit alle Kopfenden auf einer Ebene liegen.
Das Zupfen wird von Männern und Frauen durchgeführt. Erst dann kön-
nen Borsten gleicher Länge und Ausrichtung zu einem Bündel zusam-
mengefasst werden. Nur gut zugerichtete Bündel erzielten hohe Preise.
Obwohl der Borstenhandel bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zu-
rückreicht, werden die Khatik erst um 1930 als Borstenmanufakteure
schriftlich erwähnt. Das hängt mit dem Borstenboom dieser Jahre zusam-
men, der die englische Zivilverwaltung dazu brachte, die Borstenmanu-
fakturen zu besteuern. Bei der Industrie- und Handelskammer waren in
diesen Jahren allerdings nur vier Firmen registriert. Viele Khatik gingen
weiterhin dem Gemüsehandel nach oder arbeiteten als Maurer und Bau-
unternehmer. Die Borstenmanufakturen waren eine cottage industry – eine
Hausindustrie – und spielten deshalb im industriellen Kanpur eine unter-
geordnete Rolle. Doch machte der Borstenhandel die Khatik zu der reichs-
ten und angesehensten Kaste unter den Unberührbaren.
Die reichsten Borstenmanufakteure wurden chaudhuries – Kastenälteste
– genannt. Dieser Ehrentitel war aber nicht mit einem Amt verbunden,
vielmehr gab es erhebliche ideologische Unterschiede zwischen ihnen.
Makund Lal schloss sich der reformistischen Unberührbarenbewegung an,
die für ein neues Selbstbewußtsein der Unberührbaren kämpfte und die
sich gegen Kastendiskriminierung wandte. Der reichste Borstenmanufak-
teur Mithu Lal hingegen verstand sich als konservativer Hindu. Er krönte
sich auch in den 40er Jahren selbst zum Borstenkönig von Indien, wie aus
einer Photographie deutlich wird.
globalerhandel7
Abb. 7: ‚King of Bristles?
Die Khatik wurden von den Kastenhindus nicht als gleichberechtigt an-
erkannt, was sie aber wenig störte. Sie hatten durch den Borstenhandel ein
neues Selbstbewusstsein entwickelt. Obwohl sie London nie gesehen hat-
ten und mit der britischen Kolonialmacht nur indirekt in Kontakt kamen,
bezogen sie ihre Identität aus dem Handel mit der kolonialen Metropole.
Die Borste hatte als Ware das Odium der Unberührbarkeit abgestreift und
war laisiert worden. Sie sehen sich als gleichberechtigten Geschäftsleuten
und nicht als Unberührbare.
Weitreichende Veränderungen im Handel ergaben sich nach der Unab-
hängigkeit Indiens im Jahre 1947. Endlich wurde die ‚Kalkutta-Borste‘
umgetauft und indische Borste genannt. Die englischen Handelshäuser
zogen sich aus Indien zurück. Mehr und mehr Borsten wurden frei ver-
kauft. 48 In den 60er Jahren wagten sich auch einige sprachgewandte Khatik
ins Ausland, um ihre Ware direkt zu verkaufen. Die Isolation der Khatik
durch die kolonialen Handelsbeziehungen war aufgebrochen. Dadurch
wurde aber auch die Londoner Auktion obsolet, die 1969 ihre Pforten
schloss. Die traditionsreichen englischen Maklerfirmen führten ihre Ge-
schäfte als Handelsunternehmen weiter.
Zwischen 1950 und 1972 setzte ein Borstenboom ein. Der Boom war
durch den Korea-Krieg verursacht, der ein amerikanisches Handels-
embargo auf alle chinesischen Waren mit sich brachte. Die Amerikaner
hatten für ihre Malerpinselindustrie hauptsächlich chinesische Borsten
verwandt. Da ihnen jetzt dieser Markt verschlossen war, wichen sie auf
den indischen Markt aus und kauften direkt in Kanpur Borsten ein. Auch
das bedeutete eine große Aufwertung für die Khatik, da die ameri-
kanischen Borstenhändler direkt mit ihnen verhandelten und ihnen da-
durch Respekt erwiesen.
Erst nach den Öffnung des chinesischen Markts durch Richard Nixon
im Jahre 1972 veränderte sich das Handelsglück für die Khatik in Kanpur.
Die Chinesen konnten ein sehr viel größeres Volumen von Schweinebors-
ten in unterschiedlichsten Qualitäten und niedrigeren Preisen anbieten, so
dass die indischen Borsten nicht mehr gefragt waren. Daraufhin begannen
die finanzkräftigeren Borstenmanufakturen, sich als Pinselmanufakteure
zu versuchen. Sie verwandten für die Pinselherstellung sowohl einheimi-
sche Borsten als auch chinesische. Dadurch wurde das Zurichten der Bors-
ten überflüssig. Die nicht so gut situierten Khatik wurden wieder Gemü-
sehändler. Eine Khatikfamilie ging seit 1980 dazu über, Schweinehaltung
auf Kanpurs Müllhaufen zu betreiben, die überall am Straßenrand aufge-
schüttet sind. Die Schweine vermehrten sich so stark, dass sie heutzutage
20 000 Tiere betragen und ein erhebliches öffentliches Ärgernis darstel-
len. 49 Sie werden als Schlachttiere zur Fleischversorgung gehalten.
Durch den Handel mit dem tierischen Abfallprodukt des verachteten
Schweins war im Rahmen der kolonialen Wirtschaft ein Bedeutungs-
wandel eingetreten. Nach den brahmanischen Reinheitsregeln trägt die
Borste ein Odium, weil sie vom schmutzigen Schwein stammt. Durch den
kolonialen Handel war die Borste als rituell unrein stigmatisierte Substanz
in eine neutrale Ware verwandelt worden. Semantisch wurde diese Laisie-
rung von den Khatik voll übernommen, indem sie ihre neue Tätigkeit als
‚bristle‘ bezeichneten, das englische Wort für Borste auf den Beruf des
Borstenmanufakteurs ausdehnend. Die sie diskriminierenden Bezeich-
nungen Khatik benutzen sie nicht mehr. Als Kastenbezeichnung wie als
Familiennamen haben sie den unspezifischen und sanskritisch klingenden
Namen Sonkar 50 übernommen. Die Khatik verstehen sich als Geschäfts-
leute und lehnen alle Bezeichnungen, die auf ihren Unberührbarenstatus
hinweisen, ab.
Der koloniale Handel mit der indischen Borste war stark von historischen
und politischen Begebenheiten beeinflusst. Das trifft auch auf die konti-
nentaleuropäische Entwicklung zu, die Leipzig nach der Reichsgründung
1871 zum führenden Borstenmarkt machte. „Gleich dem Rauchwaren-
handel ist auch die Leipziger Borstenbranche aus der Jahrhunderte alten
innigen Beziehung der Leipziger Messe zu Osteuropa hervorgegangen.
Die wichtigsten Produktionsländer sind Rußland, China, Polen und Litau-
en .... Die gleichen russischen und polnischen Kaufleute, die die Leipziger
Messe regelmäßig besuchten, um hier Rauchwaren zu verkaufen, brachten
als anderen wichtigen Artikel auch Borsten mit .... Der Leipziger Borsten-
handel ist mit dem Leipziger Rauchwarenhandel räumlich und teilweise
auch wirtschaftlich eng verbunden, die Borstenhandlungen haben ihren
Sitz am Brühl und in dessen Nachbarschaft.“ 51
Mit der Bezeichnung des Stammsitzes dieser Firmen ‚am Brühl? war
dem Eingeweihten klar, dass es sich hierbei um jüdische Firmen handelte.
Obwohl den Juden im Königreich Sachsen 300 Jahre lang das Zuzugsrecht
verweigert worden war, durften sich einige wenige, unter ihnen der füh-
rende Rauchwaren- und Borstenhändler Marcus Harmelin, im Jahre 1830
auf dem Brühl in Leipzig niederlassen. 52 In einer Würdigung der Firma
zum 100jährigen Bestehen in der führenden Bürstenmacherzeitschrift der
damaligen Zeit heißt es: „In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wid-
mete die Firma der Ausgestaltung des Borstenkommissionshandels beson-
dere Aufmerksamkeit; es gelang ihr, Leipzig zum bedeutendsten Handels-
platz der Welt für russische Borsten zu machen und allein mehr als den
dritten Teil dieses Umsatzes auf sich zu vereinigen: Auf ihr Betreiben be-
schloss der Rat der Stadt Leipzig am 31. Mai 1890, neben den bisherigen
Borstenmessen noch zwei Spezialmärkte für Borsten abzuhalten.“ 53 , so
dass fünfmal im Jahr Borsten gehandelt wurden. Borsten wurden in Fäs-
sern aus Russland importiert, eine übliche Verpackung, in der auch Bücher
transportiert wurden.
globalerhandel8
Abb. 8: Firma Marcus Harmelin
Die führenden jüdischen Rauchwaren- und Borstenhändler stammten
selbst aus Russland und Polen. Da in Russland der gesamte Handel, vom
Hausierhandel bis zum Großhandel in jüdischen Händen lag, 54 waren die
sprachgewandten und landeskundigen Leipziger jüdischen Borstenhändler
allen anderen überlegen. So entwickelte sich der Borstenhandel auch in
Großstädten wie Stuttgart, Frankfurt, Nürnberg, Hamburg, Straßburg und
Paris zu einer überwiegend jüdischen Domäne. Dass Juden in einer Han-
delsparte fast ausschließlich vertreten waren, die zu einem Nischenbereich
gehörte, war nicht überraschend, waren sie doch ebenfalls in der Abfall-
wirtschaft, im Woll- und Lederhandel überproportional vertreten.
Den Juden war es verboten, Schweinefleisch zu essen. Deshalb lag im
Deutschen Reich der Kuhhandel überwiegend in jüdischen Händen, der
Schweinehandel in christlichen. 55 Uns ist dieser Tatbestand immer noch in
der negativen Konnotiertheit des Ausdrucks ‚Kuhhandel‘ geläufig, unter
dem man eine willentliche Übervorteilung des anderen und einen unfairen
Kompromiss versteht. Was den Handel mit tierischen und pflanzlichen
Besteckungsmaterialien betraf, so lag der Handel mit Pflanzenfasern aus-
schließlich in ‚christlichen‘ Händen, der Borsten- und Tierhaarhandel aber
überwiegend in jüdischen. 56 Dies lässt sich durch die schon aufgezeigte
Im Branchenverzeichnis der Stadt Hamburg der Jahre 1938, 1939 und 1940 waren die Firmen,
die mit Pflanzenfasern und Borsten handelten, aufgeführt. Mit Hilfe von Herrn Werner Fenck,
dessen Vater einer der führenden Rosshaarhändler gewesen war, gelang es mir, die Informa-
tionen über die Religionszugehörigkeit der Inhaber dieser Firmen herauszubekommen. Ge-
spräch mit Herrn Fenck am 29.10.1997.
Entstehung aus dem russischen Landhandel erklären. Ebensowenig wie bei
der ‚Kalkutta-Borste‘ behinderten Ritualtabus den Borstenhandel. Die
Verwandlung eines Produkts in eine Ware bewirkt eine Neutralisierung
der kulturell/ rituellen Wertigkeiten. Sie wird nur noch nach dem Markt-
wert bemessen, sobald sie in den allgemeinen Austausch tritt.
Der große Einbruch geschah durch den Ersten Weltkrieg und die russi-
sche Revolution, die zunächst den Handel mit russischen Borsten emp-
findlich störte, weil aus Hungersnot die Schweine geschlachtet und aufge-
gessen wurden. Die sowjetische Regierung erlaubte nur noch eine strikte
Kontingentierung russischer Borsten, die in den Zwischenkriegsjahren von
der Firma Graubner abgewickelt wurde. 57 Sie waren Christen, die in der
Nähe des Leipziger Hauptbahnhofs ihre Kommissionsräume hatten. Der
Borstenhandel war so lukrativ geworden, dass auch Christen in diese Spar-
te gingen — so auch die Firma Hörz aus Stuttgart. 58
In der Zwischenkriegszeit wurden mit stagnierendem Import russischer
Borsten die indischen und chinesischen Borsten immer wichtiger, die von
ebenfalls jüdischen Handelshäusern in Hamburg teils über die Londoner
Auktion, teils direkt importiert wurden. Auch im Rosshaarhandel bildeten
sich überörtliche Konsortien, die von jüdischen Händlern dominiert wa-
ren, die aber christliche Juniorpartner mit in das Geschäft nahmen. Der
entscheidende Einbruch für den jüdischen Borstenhandel kam durch Hit-
lers Machtergreifung und die damit verbundene Zwangsenteignung jüdi-
scher Firmen, die bis zum Ende des Jahres 1938 abgeschlossen wurde.
4. Freiburg und der Reichsverband
Zum Abwickler dieses Prozesses machte sich Carl Grüb mit seinem
‚Nachrichtenblatt der Deutschen Bürstenindustrie‘. 59 Carl Grüb stammte
aus dem südlichen Schwarzwald und war mit der Bürstenindustrie in
Todtnau bestens vertraut. Im Jahre 1924 promovierte er in Heidelberg mit
57 „Versteigerung russischer Borsten“, 216.
58 Interview mit dem Seniorchef der Firma Hörz, Herrn Werner Hörz am 7.8.1997. Sie stammen
aus dem Dorf Bonlanden, das Wandergewerbe betrieb.
59 Es gab schon die seit 1881 in Leipzig erscheinende Zeitschrift für Bürsten-, Pinsel- und Kamm-
fabrikation und der einschlagenden Geschäftszweig‘ als Verbandsorgan der ebenfalls sich 1881
zusammenschließenden ‚Deutscher Arbeitgeber der Bürsten- und Pinselindustrie‘, die sich spä-
ter in Verband ‚Deutscher Bürsten- und Pinselindustrieller’ umbenannten. Das Handwerk hin-
gegen gründete im Jahre 1897 eine eigene ‚Bürsten-, Pinsel- und Kammacher-Zeitung‘, die in Al-
tenburg/ Sachsen erschien.
einer Dissertation zum Thema ‚Die Deutsche Bürstenindustrie‘. 60 Carl
Grüb machte es sich zur Aufgabe, die Bürstenmacherei vom Odium der
Armut und Rückständigkeit zu befreien und in eine neue Zeit zu führen.
Im Rahmen seiner Recherchen zu seiner Dissertation nahm er Kontakt
zum Erzgebirge auf, die damals die schärfsten Konkurrenten der Schwarz-
wälder Bürstenindustrie waren. Auf eigene Kosten lud er die Konkur-
renten in eine Biergastronomie nach München ein, wo sie „soffen wie die
Bürstenbinder“. 61 Der Erfolg stellte sich kurz danach ein, als Carl Grüb im
Jahre 1925 die Unzahl von Arbeitgeberverbände, die nach dem Ersten
Weltkrieg entstanden waren, zum ‚Reichsverband Deutscher Bürsten-
fabriken e.V., Sitz Freiburg‘, zusammenführte, dessen Geschäftsführer er
wurde. Im Jahr drauf gründete er als Verbandsorgan den ‚Führer durch die
Bürsten- und Pinselindustrie‘.

globalerhandel9

Abb. 9: Titelblatt des „Führers“
Als Führer der Bürstenindustrie war er seiner Zeit weit voraus. Er nahm
durch seine Verbandsgründung die Gleichschaltung der Verbände vorweg.
Die Machtergreifung Hitlers wird im ‚Führer‘ begeistert willkommen ge-
heißen. Einziger Nachteil von Hitlers Machtergreifung war für ihn, dass er
den Namen seines ‚Führers‘ wieder hergeben musste, der ab 1936 nur noch
schlicht ‚Nachrichtenblatt‘ hieß. Zwei Führer durfte es in Nazi-
Deutschland nicht geben.
60 Er schloss sein Studium im Fach Volkswirtschaft und Philosophie mit dieser Dissertation ab.
61 Interview mit seinem Sohn Rainer Grüb am 24.7.1998.
Doch damit konnte Carl Grüb gut leben, weil ihm durch die Devisen-
bewirtschaftung und die Gleichschaltung der Verbände eine neue Macht-
fülle zufiel. Dem Reichsverband wurde kurzerhand noch die bis dahin sich
sperrende Pinselindustrie zugeschlagen und das ganze als ‚Fachgruppe
Bürsten- und Pinselindustrie Freiburg i. Br.‘ nahtlos in die Wirtschafts-
gruppe Holzverarbeitende Industrie eingereiht. Carl Grüb blieb, was er
war, und wurde als Fachgruppenleiter außerdem noch zur Vorprüfstelle
für die Devisenbewirtschaftung ernannt. Nur musste die Fachgruppen-
leitung nach Berlin umziehen.
1938 macht sich Carl Grüb mit seinem Nachrichtenblatt zum Vermitt-
ler der von den Nazis eingeleiteten Zwangsverkäufe jüdischer Bürsten-
fabriken. Doch da die meisten jüdischen Firmen im Borstenhandel tätig
waren, lief nur ein geringer Teil der Enteignungsmaßnahmen über seinen
Schreibtisch. Carl Grüb schlägt in seinem Nachrichtenblatt keinen anti-
semitischen Ton an, mit den ‚Borstenjuden‘ – wie sie genannt wurden –
war die deutsche Bürstenindustrie zu eng verbunden. Die sogenannten
‚Arisierungsmaßnahmen‘ wurden als ‚Überleitungsmaßnahmen‘ bezeich-
net.
Nach Kriegsende knüpfte Carl Grüb da wieder an, wo er kriegsbedingt
aufgehört hatte. Schon 1947 gab er sein Nachrichtenblatt wieder heraus
und gründete 1960 die Internationale Messe für Spezialmaschinen und
Rohstoffe für die Bürsten-, Pinsel-, und Farbrollerherstellung in Freiburg,
kurz ‚Interbrossa‘ genannt. Sie wurde Nachfolgeorganisation der Leip-
ziger Messe, die durch die Teilung Deutschlands und die Gründung der
DDR praktisch zum Erliegen gekommen war. Doch war er als Führer der
Deutschen Bürstenindustrie nicht mehr akzeptabel. Als Carl Grüb im Jah-
re 1969 starb, wurde seine Zeitschrift von seinen Söhnen als ‚Brossa-Press‘
weitergeführt. Bald stellten auch wieder die ausländischen Firmen auf der
‚Interbrossa‘ aus, mit ihnen die jüdischen Borstenhändler. Dem ‚Borsten-
jud‘ ist nichts passiert, war die lapidare Auskunft. 62 Die Anwesenheit der
Firmen Paul Marsh aus New York, Delbanco und Mayer, London – ehe-
mals Hamburg und Nürnberg – sowie Paul Wagman aus Philadelphia
scheinen dies zu bestätigen. 63
62 Anlässlich des Innungstreffens der Pinselmacher in Bechhofen am 12.4.1997 kam das Gespräch
zufällig auf die ‚Borstenjud‘, die jüdischen Borstenhändler in Leipzig und Nürnberg. Ich konnte
nachfragen, ob man wisse, was mit ihnen geschehen sei.
63 Anlässlich der ‚Interbrossa‘ am 25.4.1996 konnte ich mit ihnen sprechen.
5. Lokale Antworten
Die Veränderungen im Borstenhandel sind auf globale wirtschaftliche und
politische Faktoren zurückzuführen. Die Veränderung der Gebrauchs-
kultur, die Entwicklung von Nylonborsten und vollautomatischen Ein-
zugsmaschinen haben Bürstenhandwerk, -handel und -industrie grund-
legend verändert.
Besen und Bürsten werden im Zeitalter des Staubsaugers nur noch we-
nig benutzt. Die Geschirrspülmaschine macht die Abwaschbürsten über-
flüssig, der Farbroller hat dem Deckenpinsel den Rang abgelaufen. Bors-
tenpinsel werden nur noch zum Streichen der Fensterrahmen verwendet
und auch das immer weniger, weil mehr und mehr Fenster Aluminium-
und Kunststoffrahmen haben. Männer rasieren sich mit dem elektrischen
Rasierapparat und nicht mehr ‚nass‘. Die Haarbürsten sind aus Kunststoff,
pflegeleichte Materialien brauchen keine Kleiderbürsten. Schuhcreme wird
mit dem Gummischwämmchen aufgetragen.
Die eigentliche Revolution hat sich im Gebrauch der Zahnbürste voll-
zogen. Sie ist der Marktrenner, deren Einführung schon im Kindergarten
pädagogisch begleitet wird und die sowohl quantitativ wie qualitativ eine
völlige Veränderung der Produktionstechnik durchgemacht hat. Das Be-
steckungsmaterial für Zahnbürsten sind Nylonfäden, die im Endlos-
verfahren hergestellt werden. Der Zahnbürstenkörper wird im Spritzguss-
verfahren hergestellt und kommt, zusammen mit der Klarsichtverpackung,
aus einer Hand. Durch neue Mundhygienestandards ist die Zahnbürste zu
einem Verbrauchsgut mit hohem Umsatz geworden.
Führend in der Bürstenspezialmaschinenherstellung ist die Firma Zaho-
ransky aus Todtnau geworden. Sie stellt sowohl Spezialmaschinen im For-
menbau für das Spritzgussverfahren für Bürstenkörper her als auch Zahn-
bürsten im vollautomatischen Produktionsverfahren. Sie hat gerade einen
neuen Stammsitz in Todtnau Geschwend eingeweiht. Auch in Rothen-
kirchen im Erzgebirge hat sie eine Tochterfirma eröffnet.
Mit Vertretungen in 19 Ländern für Bürstenspezialmaschinen ist Zaho-
ransky zum Branchenführer im Weltmaßstab geworden. 64 Die Gemeinde
Todtnau wirbt für sich als Freizeit und Wintersportparadies. Zwar wird
auf der Homepage die bescheidenen Anfänge als Dorf der Bürstenmacher
64 Dörflinger/ Zahoransky, 100 Jahre Zahoransky, 127.
erwähnt, doch wird diese Tradition nicht in die Darstellung der Gegen-
wart hineingenommen. 65
Das Bürstenmacherhandwerk wird als Ausbildungsberuf nur noch für
Sehbehinderte weitergeführt. Nach der Veränderung der Ausbildungs-
ordnung des Bürstenmacherhandwerks bedarf es nicht mehr des Meister-
titels, um einen Bürstenmacherbetrieb zu führen. 66 Die Bürstenmacher-
innung ist 1996 aufgelöst worden. Die einzige Berufsfachschule, die Meis-
terklassen anbietet, hat ihren Sitz in Bechhofen bei Nürnberg und bildet
nur noch Pinselmacher aus. Wurde unter Carl Grüb bei der ‚Gleich-
schaltung‘ 1938 die Pinselindustrie der Bürstenindustrie ‚zugeschlagen?, so
ist es heute umgekehrt.
Das Primat hat die Pinselmacherei. Deutlich wird dies am 1995 ge-
gründete ‚Deutsche Pinsel- und Bürstenmuseum‘, das sich als zentrales
Museum der beiden Berufssparten versteht. 67 Die Bechhofener Museum ist
ein Oszillationspunkt für die Identitätsfindung in der Gegenwart. Hatten
die Straßen von Bechhofen in den 50er Jahren weder einen Straßenbelag
noch einen Namen, so bringt das Pinselmuseum dem ‚Markt Bechhofen‘
wie das Dorf heute heißt, Ehre, Geltung und Ansehen.
Nach der ‚Wende‘ von 1989 bewährte sich Carl Grübs Einigungswerk
der ‚Deutschen Bürstenindustrie‘ erneut. Sein Sohn Rainer knüpfte die
Verbindungen wieder neu. Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich anläss-
lich eines Besuchs herzlichen willkommen geheißen wurde, obwohl die
‚Wessis‘ zur damaligen Zeit in keinem guten Ruf standen. 68 Einer von ih-
nen hatte sich mit Treuhandgelder die traditionsreiche Firma Eduard
Flemming unter den Nagel gerissen und 6 Mio. DM veruntreut. 69 Wäh-
rend der DDR-Zeit zu einem Riesenkombinat unter dem sinnigen Namen
Flamingo aufgebläht, wurde nun versucht, den einzelnen Betrieben wieder
65 Sehr zum Bedauern des Chronisten der Bürstenmacherei, Herrn Benno Dörflinger, hat Todtnau
noch immer kein Heimatmuseum. Herr Dörflinger ist nicht nur Autor der Geschichte der Bürs-
tenhandwerks in Todtnau, sondern er hat auch die Firmenchronik der Firma Zahoransky ge-
schrieben. Er ist langjähriger Mitarbeiter der Firma Zahoransky und technischer Leiter der Ver-
suchswerkstatt.
66 Diese Informationen verdanke ich Herrn Stefan Scheffelmann, Holzwirt und Berufsschullehrer
an der Nikolauspflege in Stuttgart, der mich seitdem ich mich der Bürstenmacherei zugewandt
habe, mit seinem Fachwissen der Produktionstechniken und handwerksgeschichtlichen Zusam-
menhänge begleitet. Gespräch am 8.6.2003.
67 Es wurde fachkundig von einer Volkskundlerin eingerichtet.
68 Vom 25.5.1997 bis 29.5.1997 kam ich in Schönheide, Hunsdübel und Stützengrün mit Bürsten-
fabrikanten in Kontakt und konnte viele Gespräche führen und das Heimatmuseum besuchen.
69 „Bürstenwerke ausgeplündert“, 4.
eine Selbständigkeit zu geben. Der kommissarische Leiter von Flamingo
war auch, wie alle Bürstenfabrikanten, Mitglied im Schönheider Ge-
schichtsverein, der sich als eine der ersten Taten die Akten von Schön-
heide aus dem Archiv in Aue zurückgeholt hatte. Ihre Heimatgeschichte
wollten sie selber verwalten. Und eine Vergrößerung des Heimatmuseums
war auch schon geplant.
Doch zurück nach Kanpur. Der Borstenhandel hatte den Khatik Ehre,
Prestige und über das Produkt, die Borste vermittelt, auch eine Anbindung
an die Weltwirtschaft gebracht. Davon waren sie jetzt trotz Globalisierung
abgeschnitten und versanken in ihrer ‚lokalen Schweinerei‘. Doch Nawal
Kishor suchte daraus einen Ausweg. Sein Vater Makund Lal war unter den
reichen Borstenhändler der 30er Jahre der Progressive gewesen. Er hatte
viel Wert auf eine gute Schulbildung seiner Kinder gelegt. Nawal Kishor
war einer der wenigen, die fließend Englisch konnten. Belesen und interes-
siert an der Welt außerhalb Kanpurs, hätte er sich gerne dem Trend der
50er und 60er Jahre angeschlossen und wäre ins Ausland gereist. Doch
damals lief sein Geschäft schlecht.
Jetzt als gestandener Geschäftsmann übergab er seine Pinselmanufaktur
an Neffen und Sohn und gründete im Jahre 1997 eine Zeitschrift ‚Brushes,
Hairs and Fibers‘. Davon hatte er immer geträumt. Er stellte einen Com-
puterspezialisten und eine Sekretärin ein, kaufte sich einen Computer und
trat mit der Welt über das Internet in Kontakt. Auf der Rückseite seines
Blattes erschien die Annonce der Spezialmaschinenfabrik Zahoransky aus
Todtnau im Schwarzwald, wodurch er seine Zeitschrift finanzierte. So
knüpfte er wieder an die internationale Welt des Borstenhandels und der
Bürstenindustrie an, die den Khatik verloren gegangen war.
Im April 2000 besuchte Nawal Kishor die ‚Interbrossa‘ in Freiburg. Er
passte sich zunächst etwas unsicher in die polyglotte Welt der Geschäfts-
leute in ihren Nadelstreifenanzügen ein. Doch dann gewann er zunehmend
an Selbstvertrauen. Er wurde zuvorkommend behandelt und freundlich
Willkommen geheißen, alles für ihn neue Erfahrungen als Mensch zweiter
Klasse. Zum ersten Mal sah ich ihn lachen. Er musste sein Gesicht nicht
mehr auf unendlich stellen, um durchzukommen.
Auf der Messe hatte ich die Gelegenheit, alte Bekanntschaften zu erneu-
ern. Die Erzgebirgischen Bürstenfabrikanten hatten eine ‚Bürschte-
binderwerkstatt‘ aufgebaut. Sie präsentierten sich vor dem Bild ihres zu-
künftigen Heimatmuseums. Das Foto des Großvaters des heutigen
Fabrikanten, der als Hausierer durch die Lande zog, hing im Großformat
daneben. Die Armut vergangener Zeiten, die Kargheit der früheren Le-
bensweisen verband die unterschiedlichen Pole und war auf dem inter-
nationalen Parkett auf einmal salonfähig geworden. Die Aneignung der
Tradition und das Bekenntnis zu ihr wurden uns unter globalen Be-
dingungen selbstbewusst präsentiert.

globalerhandel10

Abb. 10: Ehepaar Müller, Inhaber von Mühle Pinsel vor
der Fotografie des Heimatmuseums von Schönheide.
Die für mich erstaunlichste Begegnung war die mit Harald Blöchle aus
dem Zigeunerdorf Lützenhardt im Schwarzwald. Heute ist die Bürsten-
macherei aus Lützenhardt fast ganz verschwunden. Das Dorf ist zu einem
bekannter Kur- und Erholungsort geworden. Harald Blöchle ist 10 Jahre
lang als Lastkraftwagenfahrer durch alle Lande gezogen, bis er ganz ‚ka-
putt‘ war, wie er sagt. 70 Die nomadische Lebensweise bekam ihm nicht.
Dann hat er in Lützenhardt in der Kurklinik seine zweite Frau kennenge-
lernt und ist mit ihr nach Hannover gezogen, wo er eine Ausbildung zum
Marktschreier gemacht hat. Er weiß, wie man verkauft. Mit Frau und Kin-
dern nach Lützenhardt zurückgekehrt, besann er sich auf seinen Groß-
vater, der Bürstenbinder war. Er begann Bürsten und Besen herzustellen.
Es ist natürlich Naturware aus Holz, Borsten, Ziegenhaar und Rosshaar.
Seine Frau half mit, lernte Jenisch, die lokale Zigeunersprache, und erledigt
heute die Korrespondenz.
70 Besuch am 30.10.2002 in Lützenhardt bei Harald Blöchle und seiner Frau Anette.
Doch wie die Bürsten an die Frau bringen? Er begann, so wie er es ge-
lernt hatte, mit den lokalen Wochenmärkten, doch die Kurkliniken liegen
näher. Auf Heimatabenden erzählt er von den Bürstenbindern, der Verfol-
gung der Zigeuner durch die Nazis und von seinem Produkt, den Bürsten.
Er singt auch das Lied vom lustigen Bürstenmacher, der beim Hausieren
so viel trinkt und das harte Leben von der leichten Seite nimmt. Die Pro-
duktinformation ist so überzeugend, dass die Kundinnen in seinen Laden
strömen und ihm die Bürsten abkaufen. Inzwischen hat er auch eine CD
mit seinen Liedern und mehrmalige Auftritte im Regionalfernsehen. Er
träumt von einem Lützenhardter Bürstenmuseum. Bis es so weit ist, prä-
sentiert er sich als eigenes Exponat.

globalerhandel11

Abb. 11: Herr Blöchle
6. Zusammenfassung
Der Verkauf von Bürsten im Wandergewerbe hat nicht nur eine ländliche
Bevölkerung bei nicht erschlossenen Absatzwegen mit einem notwendigen
Gebrauchsgut versorgt, sondern auch Informationen, Neuigkeiten, Fertig-
keiten und Erfahrungen transportiert, die zu einer Integration ländlicher
Gegenden in die Wirtschaft beigetragen haben. Die ‚Nomaden des Indus-
triezeitalters‘, wie Gustav Schmoller sie bezeichnete, hatten gegenüber
Bettlern, Vagabunden und ‚Kunden‘ einen schweren Stand. Sie mussten
sich als ehrbare Bevölkerung im Gegensatz zu den unehrenhaften durch-
setzen. Wandergewerbeschein, polizeiliche Verordnungen und Steuerveran-
lagung stellten behördliche Reglementierungen dar, die zusätzlich zu pri-
vaten wie öffentlichen Verboten des Hausierens den Absatz erschwerten.
M AREN B ELLWINKEL -S CHEMPP
www.nomadsed.de/publications.html
150
An Hand des Borstenhandels habe ich die Bedeutungsveränderungen
aufgezeigt, die der Transformationsprozess eines tierischen Abfallprodukts
in eine Ware mit sich gebracht hat. Den Juden wie den Khatik aus Kanpur
hat der Borstenhandel Reichtum, Ansehen, Geltung und Ehre eingebracht
und ihr Selbstverständnis verändert. Die Juden Leipzigs sahen sich vor
1933 als voll integrierte Mitbürger an. Die Khatik betrachten sich als Ge-
schäftsleute, die jenseits von ‚purity and pollution‘ mit einem durch den
Handel laisierten Produkt arbeiten. Die englische Kolonialmacht hat durch
den Borstenhandel zu einem semantischen Wandel beigetragen und damit
das Schwein und seine Produkte neutralisiert. Doch bleiben die Khatik
immer noch Dalits – wie heutzutage die Unberührbaren genannt werden.
Da der Handel mit der Borste weggefallen ist, haben sie sich auf Schweine-
haltung in der Stadt verlegt.
Ich habe außerdem zeigen können, wie stark die großen Borstenmessen
von weltpolitischen Veränderungen abhängig waren. Im zaristischen Russ-
land war St. Petersburg der führende europäische Borstenmarkt. Nach der
Reichsgründung, die auch für die Juden die Gewerbefreiheit brachte, wur-
de Leipzig zur bedeutendsten Borstenmesse in Europa. Ausgelöst durch
die russische Revolution versiegte das Borstenaufkommen aus Russland
und andere Märkte mussten erschlossen werden.
So wurde die Londoner Auktion für chinesische und indische Borsten
wichtig, die von großen Handelshäusern in Hamburg eingeführt wurden.
Kanpur als indischer Borstenmarkt trat erst dann aus dem Schatten kolo-
nialer Wirtschaft heraus, als durch den Korea-Krieg verursacht der chine-
sische Nachschub an Borsten versiegte. Die Borstenauktion in London
brach als Folge davon zusammen. Übrig blieben die großen Handels-
häuser in Hamburg, London und Philadelphia, die auch heute noch mit
Borsten handeln.
Mit Carl Grüb trat ein ‚Führer‘ der Deutschen Bürstenindustrie auf den
Plan, der geschickt die Gleichschaltung der nationalsozialistischen Wirt-
schaftsplanung vorwegnehmend, die Bürstenindustrie einte. Durch die
Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die Leipziger
Messe ihren internationalen Rang. Daraufhin gründete Carl Grüb mit der
‚Interbrossa‘ in Freiburg eine neue Messe von internationalem Zuschnitt.
Die ‚Interbrossa‘ lebt besonders von der Ausstellung des Branchenführers
im Spezialmaschinensektor Zahoransky, der im benachbarten Todtnau im
Schwarzwald seinen Stammsitz hat.
G LOBALER H ANDEL UND LOKALER V ERTRIEB
Mitteilungen des SFB 586 „Differenz und Integration“ 6
151
Für die Weltfirma Zahoransky passt der Rekurs auf die ärmliche Ver-
gangenheit und das Hausiererdasein nicht mehr ins Image, es wird abge-
streift und nicht mehr aktualisiert. Nawal Kishor ist mutig und allein einen
ähnlichen Weg gegangen. Er hat durch den Gebrauch der Informations-
technologie wieder an der globalen Wirtschaft anknüpfen können, von der
er seit dem Erliegen des Borstenhandels abgeschnitten war und die ihm
Ehre, Geltung und Anerkennung eingebracht hatte.
Eine Musealisierung setzt dann ein, wenn ein Handwerk oder ein Ge-
werbe zum Erliegen kommen. Doch werden Formen und Inhalte ver-
gangenen Waren, Vertriebsformen und Herstellungsweisen strategisch
akzentuiert. Das ‚Deutsche Pinsel- und Bürstenmuseum in Bechhofen‘
etabliert das Primat der Pinselindustrie über die Bürstenindustrie. Das
Heimatmuseum in Schönheide dient als Ideologem einer sozialen Inte-
gration jenseits politischer Ideologien. Harald Blöchle und seine Frau ge-
hen mit ihren Naturprodukten den Weg der Ethnisierung und Museali-
sierung. Sie exponieren sich als Jenische oder autochtone Zigeuner, um
ihre Produkte absetzen zu können.
Summary
Global concerns and local itineraries: bristles and brushes in trade relations
in India and Europe: Brushes and bristles became a cherished commodity
in the 1870 in Europe, which was due to a variety of factors which were
connected with the change of fashion and clothing as well as with major
political changes – notably the foundation of the Deutsches Reich and the
Subsequent Emancipation of the German Jews. As a concomitant of the
fur trade, Leipzig became the European Centre of the bristle trade, after St.
Petersburg lost its eminence after the Bolshevik Revolution. Bristle Trade
was predominantly in Jewish hands – although the cultural matrix of Juda-
ism considered the pig to be an unclean animal. Commerce went on the
one hand against cultural notions of purity and pollution and on the other
hand reinforced them. As a side line of colonial trade relations, the British
in India taught bristle dressing to untouchables, which made Kanpur in
Uttar Pradesh become the all India centre of bristle manufacturing. Manu-
facturing and industrial production went side by side, both at the lowest
scale of income and prestige. Trading and hawking was done through iti-
nerant traders, who joined the large army of paupers, vagrants, beggars,
bards and gypsies who travelled through Europe during the uprooting
M AREN B ELLWINKEL -S CHEMPP
www.nomadsed.de/publications.html
152
years of the industrial revolution, subject to registration, police orders, and
Christian work culture in poor houses. Present day marketing strategies
for brushes fall back upon the romanticism of ethnicity and manufacturing
traditions. However, Kanpur’s former bristle manufacturer join global
economy as publisher as they have no more bristles to sell.
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M AREN B ELLWINKEL -S CHEMPP
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Abkürzungen:
ZBPKf = Zeitschrift für Bürsten-, Pinsel- und Kammfabrikation .


Global Trade and Locas Distribution - Bristles and Brush Trade in India and Europe

by Dr. Maren Bellwinkel-Schempp

Der Verkauf von Bürsten im Wandergewerbe hat nicht nur eine ländliche Bevölkerung bei nicht erschlossenen Absatzwegen mit einem notwendigen
Gebrauchsgut versorgt, sondern auch Informationen, Neuigkeiten, Fertigkeiten und Erfahrungen transportiert, die zu einer Integration ländlicher
Gegenden in die Wirtschaft beigetragen haben. Die ‚Nomaden des Industriezeitalters‘, wie Gustav Schmoller sie bezeichnete, hatten gegenüber
Bettlern, Vagabunden und ‚Kunden‘ einen schweren Stand. Sie mussten sich als ehrbare Bevölkerung im Gegensatz zu den unehrenhaften durch-
setzen. Wandergewerbeschein, polizeiliche Verordnungen und Steuerveranlagung stellten behördliche Reglementierungen dar, die zusätzlich zu pri-
vaten wie öffentlichen Verboten des Hausierens den Absatz erschwerten.

MAREN BELLWINKEL-SCHEMPP

An Hand des Borstenhandels habe ich die Bedeutungsveränderungen aufgezeigt, die der Transformationsprozess eines tierischen Abfallprodukts
in eine Ware mit sich gebracht hat. Den Juden wie den Khatik aus Kanpur hat der Borstenhandel Reichtum, Ansehen, Geltung und Ehre eingebracht
und ihr Selbstverständnis verändert. Die Juden Leipzigs sahen sich vor 1933 als voll integrierte Mitbürger an. Die Khatik betrachten sich als Ge-
schäftsleute, die jenseits von ‚purity and pollution‘ mit einem durch den Handel laisierten Produkt arbeiten. Die englische Kolonialmacht hat durch
den Borstenhandel zu einem semantischen Wandel beigetragen und damit das Schwein und seine Produkte neutralisiert. Doch bleiben die Khatik
immer noch Dalits – wie heutzutage die Unberührbaren genannt werden.
Da der Handel mit der Borste weggefallen ist, haben sie sich auf Schweinehaltung in der Stadt verlegt. Ich habe außerdem zeigen können, wie stark die großen Borstenmessen von weltpolitischen Veränderungen abhängig waren. Im zaristischen Russland war St. Petersburg der führende europäische Borstenmarkt. Nach der Reichsgründung, die auch für die Juden die Gewerbefreiheit brachte, wurde Leipzig zur bedeutendsten Borstenmesse in Europa. Ausgelöst durch die russische Revolution versiegte das Borstenaufkommen aus Russland und andere Märkte mussten erschlossen werden.
So wurde die Londoner Auktion für chinesische und indische Borsten wichtig, die von großen Handelshäusern in Hamburg eingeführt wurden.
Kanpur als indischer Borstenmarkt trat erst dann aus dem Schatten kolonialer Wirtschaft heraus, als durch den Korea-Krieg verursacht der chinesische Nachschub an Borsten versiegte. Die Borstenauktion in London brach als Folge davon zusammen. Übrig blieben die großen Handelshäuser in Hamburg, London und Philadelphia, die auch heute noch mit Borsten handeln.
Mit Carl Grüb trat ein ‚Führer‘ der Deutschen Bürstenindustrie auf den Plan, der geschickt die Gleichschaltung der nationalsozialistischen Wirtschaftsplanung vorwegnehmend, die Bürstenindustrie einte. Durch die Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die Leipziger
Messe ihren internationalen Rang. Daraufhin gründete Carl Grüb mit der ‚Interbrossa‘ in Freiburg eine neue Messe von internationalem Zuschnitt.
Die ‚Interbrossa‘ lebt besonders von der Ausstellung des Branchenführers im Spezialmaschinensektor Zahoransky, der im benachbarten Todtnau im
Schwarzwald seinen Stammsitz hat.

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Hall 1994.
Abkürzungen:
ZBPKf = Zeitschrift für Bürsten-, Pinsel- und Kammfabrikation

Full text of this scientific research by Dr.Maren Bellwinkel-Schempp researched with assistance of BROSSAPRESS, you can find in the menue "Aus der Historie" (German language part of www.brossapress.de)


Ein Heiliger mit Besen

Martin de Porres - der Heilige mit dem Besen Eine Vergrösserung kann bei info(at)brossapress.de angefordert werden-Martin de Porres aus Peru-

Vielleicht ist er Ihnen schon einmal begegnet: Auf einem Bild oder in einer Kirche. Besonders in Südamerika wird das Andenken an ihn sehr gepflegt. Auf den ersten Anschein wirkt er unscheinbar: ein farbiger junger Mann mit weiß-schwarzem Kleid und in der Rechten hält er einen Besen, was ihm die Bezeichnung "Besenheiliger" eingebracht hat. Dieser Besen ist vermutlich dafür verantwortlich, dass er in der katholischen Kirche nebst seinem Patronat gegen Ratten und Mäuseplagen auch der Schutzpatron des Pflegepersonals ist.

Die Rede ist von Martin de Porres, einem aussergewöhnlichen Mann, der um 1569 in Lima als nichtehelicher Sohn des spanischen Edelmannes Juan von Porres und der Mulattin Anna Velasquez geboren wurde. Damals war die erst 1536 vom spanischen Eroberer Pizarro gegründete Stadt Lima Schauplatz für das Ringen der Europäer um ein fremdes, goldreiches heidnisches Land. Die Liebe zu Gold und Reichtum, verflochten mit der Liebe zum Christentum. Besonders unter den Eingeborenen und den Sklaven war das Elend sehr groß. In dieser Zeit tat sich Martin de Porres als Wohltäter der Menschen hervor, der die Schuld anderer durch caritative Hilfe und Hingabe beglich.

Martin de Porres - der Heilige mit dem Besen
Eine Vergrösserung kann bei info(at)brossapress.de angefordert werden


Das Taufbuch verzeichnet die Taufe des Kindes: " Martin, Sohn der Anna Velasquez, einer Freigelassenen; der Name des Vaters ist unbekannt". Sein Vater Juan de Porres wünschte nicht genannt zu werden. Seiner Auffassung widersprach es der Würde, eine Farbige zu seiner Ehefrau zu machen. Als Martin für einige Zeit bei seinem Vater lebte, um eine angemessene Bildung zu erhalten, musste er immer wieder die demütigende Bezeichnung "Mulattenhund" über sich ergehen lassen.

Später erlernte er die Kunst des Baders und erwarb sich gute Kenntnisse als Wundarzt und Apotheker. E. Dussel kennzeichnet diese Lebensphase so: " Die von Verletzungen und Geschwüren geplagten liessen sich gerne von dem liebenswürdigen jungen Mann behandeln". Binnen drei Jahren strömten viele Arme, Bedürftige und Kranke in sein Sprechzimmer, ja viele sprachen sogar von an Wunder grenzende Heilungen.

Jeden Morgen besuchte Martin die ersten Messen in seiner Pfarrkirche von San Lazaro und widmete sich dann mit aller Hingabe bis zum Anbruch der Nacht seinen Patienten. Später wurde er der allseitigen Bewunderung müde und beschloss, sich zurückzuziehen und schlug entschlossen den Weg zu dem grossen Dominikanerkloster ein. Im Kloster wollte er nur Laienbruder sein, seine soziale Stellung war dort die tiefste, weil er Mulatte war.

Doch insgeheim galt er bereits zu Lebzeiten als Heiliger. Seine Scxhwester half im beim Aufbau eines Waisenhauses, einer Armenküche und zahlosen karitativen Einrichtungen. Zu denen, die bei ihm Rat suchten gehörte auch der Vizekönig von Peru.

Das grösste Wunder zweifellos war seine tiefe Demut, sein Leben in ständigem Gebet und seine grenzenlose Liebe, ja auch den Tieren war er ein unermüdlicher Helfer. Als Martin verstarb, verbreitete sich die Nachricht schnell in Lima und der ganzen Gegend. 1837 wurde er von Papst Gregor XVI selig gesprochen, am 6. Mai 1962 sprach ihn Johannes XXIII heilig. In seiner Predigt zur Heiligsprechung sagte der Papst unter anderem: " den Kranken stand er gütig bei, den Armen half er mit Speise, Kleidung und Arznei". Sein Fest ist am 3.November.


Haarbürsten und Haarpflege

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Karl Ludwig Nessler 1872-1951

Karl Ludwig Nessler, der Erfinder der das Frauenhaar verschönernden Dauerwelle wurde am 2. Mai 1872 im Bürstenmacher-Städtchen Todtnau im Schwarzwald geboren und hatte in seinen Jugendjahren das Friseurhandwerk erlernt.

Die Legende berichtet, dass er als Kind gelegentlich als Schafshirte tätig war und dabei die Beobachtung machte, dass die von ihm gehüteten Tiere dauerhaft lockige Haare hatten, was bei den Menschen im allgemeinen nicht der Fall war.

Nach den damals üblichen Wanderjahren, die in durch die Schweiz, Frankreich und schliesslich nach England führten, wo bereits Damen aus den höchsten Gesellschaftsschichten zu seinen Kundinnen gehörten entwickelte er eine bahnbrechende Erfindung, die sich über die ganze Welt verbreitete: Die Dauerwelle.

Er starb 1951 in Harrington Parc, New Yersey, USA